Wer sagt, die Presse schwächelt? Zugegeben, vor kurzem musste ein Spiegel-Redakteur den Henri-Nannen-Preis, „die renommierteste Auszeichnung im deutschen Journalismus“, glatt zurückgeben, weil er seine Home-Story über den beliebten deutschen Politiker Horst Seehofer getürkt haben soll. Das Feature mit dem schwungvollen Titel „Am Stellpult“ entstand nämlich gar nicht vor Ort, am Pult der Modell-Eisenbahn in Seehofers Partykeller, sondern in der Redaktion. Porträt schon, aber gesehen hatte der Journalist die Eisenbahn nie! Das kann der FAZ nicht passieren. Sie recherchiert live, vor Ort. Entstanden ist jetzt eine atemberaubende Homestory über Edwin Schwarz, allseits geschätzt als eigenwilligen und (wenn auch nicht immer freiwillig) humorvollen Lokal-Politiker. „Der Dezernent und das Meer“, so der verheißungsvolle Titel.
Der Mann der starken Worte enthüllt zarte Saiten
Bislang kannte man Edwin Schwarz als Mann der klugen Apercus: „Eines geht nicht: Auf der Zeil wohnen, absolute Ruhe und dann noch preiswert”. Zugegeben, was auch nicht ging, war sein geforderter Abriss der Kleinmarkthalle. Doch das lag ja bekanntlich nicht an Schwarz, sondern an den sturen Frankfurtern. Die wollten eben ihr Kleinod partout nicht der stadtplanerischen Dampfwalze opfern. Dank der FAZ lernen wir Edwin Schwarz endlich einmal von seiner privaten und durchaus zarten Saite kennen. Der Mann leidet! Der Taxus fehlt. Diebe müssen die Eibe heimtückisch aus seinem Garten in Bergen-Enkheim ausgegraben haben. Und bitte schön, wie übersteht er den Verlust? Der „Pflanzenfreund“ Schwarz tröstet sich jetzt mit einer “Auracaria, vulgo Affenschwanzbaum” für schlappe 450 Euro!
Viel Holz, so erfährt der Leser weiter, gibt’s in seiner Hütte. Bauhaus-Stil geht gar nicht! Und auf dem Esstisch entdeckt die FAZ eine Decke mit Küken- und Ostermotiven. Okay, so viel ist klar: Walter Gropius hätte keine WG mit Schwarz gegründet. Wäre das Dach defekt, was wir dem Dezernenten natürlich nicht wünschen, hätten wir doch glatt mal den Maler Carl Spitzweg für ein Biedermeier-Biedermann Porträt bestellt. Schwarz sammelt Modell-Schiffe! Schwarz hört gern Songs von Caterina Valente! Erklärung: Das war eine in der Mitte des letzten Jahrhunderts populäre Sängerin mit solch prägnanten Hits wie „Tipitipitipso!“ Schwarze Vinylscheiben (33er Geschwindigkeit) legte man auf ein Abspielgerät mit Drehscheibe. Urgemütlich, bei einem appetitlichen Käse-Igel adrett angeordnet auf einem kleinen Nierentischchen. Doch zurück zur Story, Crime und Abenteuer sind abgehandelt, in atemberaubender Geschwindigkeit geht’s über zum Thema Sex: Schwarz hat Freundin, mit der er „nicht nur den Urlaub verbringt“. Aber die nennt er nur die „Frau Meister!“ So viel zu originellen Kosenamen. Ach ja, und noch ein Wort zu Frau Meister: „Sie kommt freitags!“ Ist ja auch irgendwie logisch, denn „unter der Woche wohnt jeder für sich.“
Die Bombe platzt!
Jäh platzt die Bombe ins Idyll. „Dann endlich. Das Allerheiligste. Der Partykeller.“ Hallo, Leute, wie geil ist das denn, wundern sich jetzt die FAZ Leser. Dieses Fossil, eigentlich seit mehreren Jahrhunderten ausgestorben, ist ja der wahre Hammer! Liebe FAZ: Wir fordern Denkmalschutz für Edwin Schwarz und sein Häuschen! Mit der neuen Pilgerstätte in Bergen-Enkheim würden die städtischen Einnahmen wieder richtig sprudeln und überhaupt, die Kleinmarkthalle verlegen wir ab sofort in Edwin Schwarz’ Allerheiligstes, den schönen Partykeller, trinken Apfelwein und lauschen dem Valente-Song „Wo meine Sonne scheint“. Retro ist krass in! Entdeckt und ausgegraben hat’s die FAZ. Da freuen wir uns doch jetzt schon auf die nächste Home-Story, wenn es wieder heißt: “Zu Besuch bei den Dezernenten”.
PS: Die Home-Story erschien am 26. Juli 2011 im Rhein-Main-Teil der FAZ. Kann man wohl sicherlich auch in Kürze online goutieren!